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Ansichten – Perspektiven – Einsichten

Der Horizont
hat sich
langsam verschleiert
inzwischen ist er untergegangen

Trotz Blindheit weitergehen

Trotz Blindheit weitergehen

die Orientierung
habe ich
nicht verloren.

 

 

 

Blind ist nicht Dunkel –
innen ist Licht,
nach außen Wärme.
Blind ist nicht Armut –
innen ist Fülle,
nach außen Leben.
Blind ist nicht Enge –
innen ist Weite,
nach außen Begegnung.
Blind ist nicht einsam –
innen ist da sein,
nach außen Sehnsucht.

 


Ermutigung

Du weißt es ja längst, Dein Augenlicht läßt nach.
Das macht Dir Angst, Du liegst nachts lange wach.
Selbstverständlich hast Du stets Dein Werk getan!
Nun hat sich ein Abgrund vor Dir aufgetan.
Der Nebel, die Schatten wollen nicht schwinden,
Dein Weg ist verschwommen, wirst Du ihn finden?
Laß Dich ermutigen, suche und sieh,
neues Leben ist möglich, das vergiß nie!

Wenn um Dich her alles bunt ist und funkelt,
die Welt sich dennoch vor Dir verdunkelt,
dann wünsche ich Dir ein tapferes Herz,
das sich der Trauer stellt und dem Schmerz
und dann im tiefsten Grund erkennt und spürt,
daß Gottes Engel Dich begleitet und führt,
seine Fackel leuchtet mit warmem Schein
und dies Licht möge stets bei Dir sein!

(Irene Kersting)


Ansehen und Begegnung

Gedanken zum Tag der Sehbehinderten (6. Juni)

„Ich sehe so, wie Du nicht siehst“? Ein wenig überraschend diese Aussage. Finden Sie das auch? „Ich sehe so, wie Du nicht siehst“. Da sieht jemand anders. Einfach deshalb, weil er weniger sieht, weil er mit einer Sehbehinderung lebt.

„Ich trau mich nicht mehr raus zu gehen auf die Strasse“, sagte mir ein älterer Herr. „Ich erkenne nicht mehr, wer mir entgegen kommt. Da grüßt mich jemand, aber ich weiß nicht wer es ist. Froh bin ich, wenn ich denjenigen vielleicht mal an seiner Stimme erkenne. Das passiert aber selten.“
Wer nicht grüßt, weil er einen anderen nicht erkennt, kann schon mal als überheblich bezeichnet werden. So, so! Der grüßt mich nicht mehr – was der bloß hat …?! Das Problem ist folgendes: Außenstehenden, das heißt voll Sehenden, ist selten bewusst: Das kann mit eingeschränktem Sehen zu tun haben. Dass einer weniger sieht, sieht man ihm ja nicht unbedingt an. Da ist es wirklich hilfreich, wenn ich mich mit meinem Namen vorstelle. Damit der andere weiß, mit wem er es jetzt zu tun hat. Doch wer kommt da gleich drauf?
Tatsache ist: Wo das Hinsehen, das Ansehen, nicht mehr so richtig möglich ist, da wird es auch mit dem Miteinander schwierig. Der stärkste Leitsinn, das Sehen, spielt hier eine ganz große Rolle. Doch nur selten ist einem dieser Vorgang bewusst:
Ich sehe jemanden. Ich erkenne, wer es ist. Und ich entscheide, ob ich jetzt mit ihm in Beziehung kommen möchte. – Ob ich stehen bleibe und ihn begrüße? Versuche ich ein Gespräch?
Ansehen haben und miteinander sprechen, jemanden ansehen und zu ihm in Beziehung treten, gehören zusammen. Und ganz in dieser Reihenfolge. Erst das Sehen, dann die Beziehung. Diese Rangfolge unserer Sinne steckt in uns drin, tief eingewurzelt in unserer Seele.

Sonntags, im Gottesdienst, wird uns der Segen Gottes zugesprochen. Und auch da beginnt es mit dem Ansehen: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“. – Wir vergewissern uns hier, dass wir im Ansehen Gottes stehen.
Und bekommen darauf die Zusage, dass Gott sich uns zuwendet, zu uns in Verbindung tritt, mit uns was zu tun haben will: „Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden“. Diesen Segen Gottes geben wir weiter, wenn wir beherzigen: Als Angesehener sehe ich dich an. Und dann gehe ich noch einen Schritt weiter: Ich frage dich, ich rede mit dir.
Kann ja sein, dass jener alte Herr sich wieder mutiger unter die Leute mischt, weil er echt angesprochen wird. Und mit anderen spricht, auch wenn das mit seinem Hinsehen so eine Sache für ihn ist. Denn bei ihm ist es ja so: „Ich sehe so, wie Du nicht siehst“.
Jeder Tag sei ein erfüllter Tag im Hinsehen, im Ansehen anderer und in gelingender Begegnung mit ihnen.

(Lothar Süß)


Wir sind nicht blöd!

Haben Sie schon einmal jemanden gesehen, der beim Einkaufen alles dicht vor das Gesicht hält? Wir müssen das, denn sonst können wir die Aufschriften etc. nicht lesen. Aber oft werden wir deshalb von Verkäuferinnen oder anderen Menschen unfreundlich angesprochen: »Musst Du denn alles anfassen?«
Das Problem ist, dass man uns unsere Sehschwäche nicht ansieht. Manche von uns tragen keine Brille, weil sie nichts hilft! Andere wiederum tragen Kontaktlinsen oder eine Brille. Damit ist uns leider nur gering geholfen, denn eine Brille kann uns höchstens das nur eine bisschen näher heranholen, was wir ohnehin nur schemenhaft erkennen. Aber trotzdem sind wir nicht blöd, wie viele in unserer modernen Gesellschaft leider immer noch glauben!
Uns fehlt es zwar in einer fremden Umgebung oft am Überblick, aber den Durchblick haben wir! Nach Abschluss der Schule können wir in vielen Berufen normal arbeiten oder wenige spezielle Geräte ermöglichen uns eine normale Arbeit!

Claudia, 14
Carola, 15


Einsichten

Blind

Im Neuen Testament „typhlos“ (griech.). Damit wird nicht nur das Nicht-sehen-Können, sondern auch das Nicht-gesehen-werden-Können bezeichnet. Dieser Begriff ist urverwandt mit dem althochdeutschen „tump“ = neuhochdeutsch „dumm“ und althochdeutsch „toup“ = taub.
Diese sprachliche Verwandtschaft lässt noch die Grundbedeutung von „verstopft, undurchlässig“ (z.B. von Flußmündungen, Seen, Untiefen) erkennen. In aktiver Bedeutung eigentlich „nicht sehend, blind“; übertragen „verblendet, geistig und moralisch blind“. In passiver Bedeutung „ungesehen, verborgen, dunkel“.

Auffällig ist im Neuen Testament die begriffliche Nähe des Wortes blind „typhlos“ zu „typhos“ – Nebel. Das Erfahrungswissen vieler Blinder bestätigt diesen Zusammenhang: Von Sehenden zu Blinden besteht oft genug ein „Nebel“ und ein „Dunst“ in der Wahrnehmung, im Verständnis, in der Kommunikation. Von vielen ist zu hören: Das wirklich Schwierige ist für mich nicht das Blindsein, sondern das Übersehen-Werden.

Das Auge …

„ … vermittelt uns eine objektivierte Welt, in die die Erfahrungen der übrigen Sinne nachträglich eingeordnet werden. Und wenn es als Eigentümlichkeit des Menschen gelten muß, die Welt in der Form mannigfach gegliederter Gegenständlichkeiten gegenüber zu haben, so ist gerade er – der Mensch – wie kein anderes Lebewesen ein Augen-wesen.
Das Auge ist für ihn das wichtigste Führungsorgan bei seiner Orientierung innerhalb des Lebensraumes. Wenn wir versuchen, uns einzufühlen in jene Menschen, die den Gesichts-Sinn verloren oder nie besessen haben, dann wird es klar, wie mit einem Schlag eine Welt erlischt, die den Glücklicheren, die sehen können, erschlossen ist – die Welt der Farben und Formen, des Himmels und der Erde, des Vordergrunds und der Ferne bis hin zu jenem Horizont, an dem Himmel und Erde sich berühren.
Und wenn der Mensch Überblick zu gewinnen sucht über die Welt und wesentlich in diesem Überblick lebt, so enthält schon der Begriff Überblick den Hinweis, daß die menschliche Welt vorwiegend eine gesehene Welt ist.“

(Ph. Lersch: „Vom Aufbau der Person“)